Plzeňské sympozia

Vladimír Duchek

Idyllik in der Kultur

S. 7-10 (tschechisch), Resumé S. 10 (deutsch)
Es existieren zwei Arten bei der Beurteilung der Kultur, ihrer Entwicklung: die konstruktivistische und empirische. Beide führen zu unterschiedlichen Resultaten und betreffen die Erklärung der Gesamtsumme unserer Erkenntnis sowie unsere Möglichkeiten die Welt in unserer Umgebung aktiv zu beeinflußen. Während uns die erste das Gefühl uneingeschränkter Kraft zur Erfüllung unserer Wünsche gibt, führt die zweite zum Verständnis der existierenden Grenzen dessen, was wir bewußt herbeiführen können, sowie zur Erkenntnis, daß gerade dieses Bewußtwerden der Grenzen des Möglichen dem Menschen ermöglichte voll seine Kräfte einzusetzen. Der große Denker, der die Grundidee des konstruktivistischen Rationalismus ausdrückte, war René Descartes. „Der radikale Zweifel", veranlaßte Descartes nur das als wahr anzuerkennen, was logisch von expliziten Prämissen, die „klar und deutlich" sind, abgeleitet werden konnte, und führte zur Aufhebung der Gültigkeit aller Regeln des praktischen Handelns, die nicht in dieser Weise begründet werden können. Der konstruktivistische Zutritt führt zu zweifelhaften Schlußfolgerungen, denn die Handlungen des Menschen sind größtenteils erfolgreich, da sie sich den einzelnen Fakten, die er in expliziter Form nicht kennt und auch nicht kennen kann, anpassen. Das Studium relativ einfacher Erscheinungen physikaler Welt ließ die Illusion entstehen, daß dies auch für bedeutend kompliziertere Erscheinungen gelten wird. Mit anderen Worten die Unfähigkeit sich der bestehenden Grenzen unserer Kenntnis der Tatsachen bewußt zu werden, führt zur Überzeugung konstruktivistische, in exakten mathematischen Wissenschaften verwendbare Methoden auch in Betrachtungen abstrakter und mathematisch nicht definiebarer Fragen applizieren zu können. In einigen Gebieten entwickelte die Wissenschaft scharfsinnige Theorien, die uns tiefere Einsicht in den allgemeinen Charakter der Erscheinungen vermitteln indem wenigstens Voraussagungen einiger Geschehnisse statistisch ausgedrückt werden, dazu kommt die in Begriffen mathematischer Wahrscheinlichkeit ausgedruckte Überzeugung von dem Eintreten eines gewissen Zustandes. Für eine Reihe von Fällen gibt es aber niemals eine vollkommene Erklärung. Dann bleibt nichts anderes übrig als die älteste bewährte Methode des „Lernens aus der Erfahrung" zu benutzen. Dabei handelt es sich jedoch nicht um einen Prozeß des Überlegens, sondern um einen Prozeß des Einhaltens, Erweilerns, Übertragens und Entwickeins von Verfahren, die sich durchsetzten, weil sie erfolgreich waren. Das Ergebnis dieser Entwicklung bildet dann nicht die explizit artikulierte, sondern die implizit verborgene Kenntnis, der nur die Praxis freien Raum schaffen kann. Ich bin überzeugt, daß gerade in dieser Weise die Entwicklung der Kultur während des ganzen menschlichen Zeitalters vor sich ging, und teile nicht die Überzeugung, daß sie sich nur deshalb anders zu entwickeln beginnt, weil verschiedene Theoretiker mit ihr in der Zukunft verschiedene eigene Interessen verbinden. Gerade die konstruktivistische Überlegungsweise führte zur neuen Strukturierung der Gesellschaft, zu den kollektivistischen Theorien des 20. Jahrhunderts. Dieses Jahrhundert gebar in seinen irren Ausgeburten den Massenmenschen. Dieser unterscheidet sich durch nichts von den anderen Menschen und bildet in sich nur die Wiederholung des Generationstypus. In Gruppen, die weder Menge noch Masse darstellen, beruht die wirkliche Übereinstimmung zwischen den Mitgliedern in irgendeiner Sehnsucht oder einem Ideal. Deshalb können wir heute am Ende des 20. Jahrhunderts ein Seminar veranstalten, das sich mit der Idyllik in der Kultur des vergangenen Jahrhunderts beschäftigt. Wir bleiben stehen, schauen zurück, um festzustellen, wie weiter vorwärts zu gelangen. Auch deshalb sprechen wir vielleicht von der Idylle, der Ruhe konkreter Individuen, die in gegenseitiger Übereinstimmung und Harmonie mit sich selbst und der Natur leben. Es geht dabei vor allem um die Verschiedenartigkeit der Gattungen und Typen, Äußerungen, Methoden und Verfahren, also um ein definitives Beenden der Autarkie und Überheblichkeit des Massenmenschen. Eine solche Verschiedenartigkeit kennt dann nur eine einzige Einschränkung und Begrenzung - die von den Vorfahren vererbte Moral.
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